Mehr als 70 Jahre hatte Joyce in ihrem Haus im Westen Torontos gelebt, als sie sich eines Tages entschied, es zu verkaufen. Den Auftrag einen passenden Käufer zu suchen, erhielten die Schwestern Gladys und Carla Spizzirri – und die mussten sich auf etwas gefasst machen, was selbst ihnen im Laufe ihres ereignisreichen Arbeitslebens noch nie zuvor passiert war.
Als Geschäftsführerinnen einer der prominentesten Immobilienagenturen der Stadt hatten sie über die Jahre so einiges an lustigen, skurrilen und mitunter auch unheimlichen Dingen mit Häusern erlebt, doch das, was sie bei der Witwe Joyce vorfanden, sprengte ihre Vorstellungskraft. Können Sie erahnen, welches Geheimnis das alte Anwesen verbarg?
Rein äußerlich ein Haus wie jedes andere

Den Preis einer Immobilie zu bestimmen ist nicht immer einfach und grenzt im Falle betagterer Gebäude des Öfteren schon mal an Kunst. Sind die Grundstückspreise in der Regel leicht zu ermitteln und selten Verhandlungssache, so wird der Wert des Hauses selbst von einer Vielzahl an Variablen bestimmt. Von außen betrachtet, schien das Reihenaus, bei dem die Schwestern Spizzirri aus Respekt vor der alten Dame an diesem Morgen gemeinsam erschienen, wie jedes andere in der Straße, doch die beiden Maklerinnen waren schon zu lange im Geschäft, um aufgrund dessen bereits eine konkrete Preisvorstellungen zu haben. Erst einmal wollten sie sich das Innere des Hauses ansehen, das so lange von ein und derselben Person bewohnt worden war…
Team Spizzirri

Eigentlich waren die Schwestern Carla und Gladys von einer Routineangelegenheit ausgegangen und erscheinen eher aus persönlichem als beruflichem Interesse. Um den Verkauf der Immobilie hätte sich eigentlich auch einer ihrer Angestellten kümmern können – schließlich schien es hier nicht um Millionen zu gehen – aber einen Menschen zu treffen, der praktisch sein ganzes Leben in ein und demselben Haus verbracht hatte, war eine Seltenheit und die Spizzirris erhofften sich darüber hinaus Einblicke in eine vollständig unveränderte Architektur aus einer anderen Epoche des Wohnungsbaus. Doch dann kam alles ganz anders und die Schwestern machten eine unvergessliche Erfahrung.
Ein Anruf von Joyce

Nur wenige Wochen zuvor hatte die alte Frau scheinbar aus heiterem Himmel heraus im Immobilienbüro Spizzirris angerufen und war ohne große Umschweife sofort zum Thema gekommen. Dass Joyce sich dabei an die Spizzirris gewandt hatte, was nicht sonderlich verwunderlich, immerhin führten die Schwestern die Agentur bereits in der dritten Generation und Joyce kannte den Namen womöglich seit Jahrzehnten. Abgesehen davon, gehörten sie zu den besten Maklern der Stadt und waren bekannt dafür hervorragende Preise für ihre Kunden herauszuschlagen. Carla sprach zuerst mit der betagten Dame und auch wenn das Gespräch insgesamt sehr positiv und einvernehmlich verlief, so fiel der Maklerin doch sofort die leicht bedeckte Stimmung der Anruferin auf. Wollte Joyce das Haus überhaupt verkaufen?
Ein verständliches Zögern

Dabei war es eigentlich vollkommen normal, dass jemandem, der mehr als sieben Jahrzehnte an einem Ort gewohnt hatte, der Entschluss zu gehen, nicht leichtfällt. Je länger die Spizzirris darüber nachdachten, desto verrückter kam den Schwerstern sogar der Wunsch der alten Dame vor und sie entschlossen sich Joyce höchstpersönlich einen Besuch abzustatten. Es mussten gesundheitliche Gründe für den Auszug vorliegen und das konnte bei falscher Herangehensweise unter anderem verheerende Folgen für den Kaufpreis haben. Verschwiegenheit war daher gerade in diesem Fall oberstes Gebot. Und abgesehen davon empfanden sie auch Mitleid für die alleinstehende Witwe, die anscheinend dazu gezwungen war, sich von ihrem Zuhause zu trennen - und die Angelegenheiten hierzu auch noch selbstständig regeln musste.
Alt, aber fit

Im Gespräch mit Carla war Joyce auch auf eine Besonderheit des Hauses eingegangen, die sie am Telefon nicht weiter besprechen wollte, und daher bereiteten sich die Geschwister auf einen etwas längeren Termin vor. Bei „Besonderheiten“ ging es nämlich meist um Mängel, bei denen der Verkäufer auch vor der Schätzung schon wusste, dass sie den Wert der Immobilie mindern würden. Wirklich überrascht aber waren die Maklerinnen, als sie vom tatsächlichen Alter der alten Damen erfuhren. 96 Jahre? Dafür wirkte Joyce überdurchschnittlich rüstig und klar bei Verstand – zumindest im Vergleich zu Mitgliedern ihrer eigenen Familie.
Joyce zögert

Kurz nach dem Telefon hatte Joyce ihnen Bilder des Hauses zukommen lassen (per Mail – also entweder konnte sie mit einem Computer umgehen oder sie hatte doch Hilfe) auf denen Carla und Gladys genau die Art von Immobilie sahen, die sie an dieser Adresse auch erwarteten. Abgesehen von der etwas speziellen Situation der alten Dame schien die ganze Sache also reine Routine und die Schwestern gingen davon aus, dass sie das Haus innerhalb der nächsten drei Monate erfolgreich verkaufen würden. Einzig ein zweites Gespräch (diesmal hatten die Spizzirris bei Joyce angerufen) gab ihnen etwas zu denken. Denn dieses Mal hatte Joyce sehr zögerlich und fast schon unwillig geklungen. Aber warum hatte sie die Agentur dann überhaupt kontaktiert?
Ein Bild sagt wenig aus

Carla war erst 2009 dem Familienbetrieb beigetreten, den Gladys schon viele Jahre zuvor von ihren Eltern übernommen und seitdem erfolgreich geführt hatte. Mittlerweile waren die beiden aber ein gutes Team und ergänzten sich vorzüglich. Daher war es auch Carla, die nun die Bilder des Hauses in Frage stellte, beziehungsweise ihre Aussagekraft anzweifelte. Gut gepflegt wirkte das Reihenhaus ja, doch nach möglicherweise Jahrzehnten ohne Renovierung könnte der Bau im schlimmsten Fall auch abrissreif sein. Bei all den beruflichen Überlegungen kamen die beiden aber immer wieder auch auf die Situation der Eigentümer zu sprechen. Was wollte Joyce eigentlich genau? Und warum musste eine Frau, die auf die 100 zuging, sich allein um den Verkauf kümmern?
Wo war der Haken?

Über 20 Jahre im Immobiliengeschäft sagten den Schwestern Spizzirri, dass hier irgendetwas nicht stimmte. Normalerweise wäre sie davon ausgegangen, dass der oder die Eigentümer versuchte ein fundamentales Problem der Immobilie zu verschweigen oder zumindest falsch darzustellen – vergleichbares hatten sie nicht nur einmal erlebt und meistens hörte das Versteckspiel in dem Moment auf, indem die Makler ankündigten einen professionellen Gutachter durchs Haus zu schicken. Doch bei Joyce konnten sie sich das nicht vorstellen. Die alte Frau wirkte ehrlich und bescheiden und lebte schließlich seit Ende der 40er Jahre in diesem Haus.
Zeit für die Wahrheit

Clara und Gladys hatten schon einige Situationen erlebt in denen ältere Menschen ihr Zuhause gegen ein Pflegeheim tauschten und es war selten ein angenehmer Prozess. Kaum jemand verlässt wirklich freiwillig die eignen vier Wände und der naheliegendste Grund für den Verkauf wäre auch bei Joyce eine Pflegebedürftigkeit gewesen. Doch das war es nicht – oder zumindest nicht der Hauptgrund – da waren sich die Schwestern sicher. Die Reise ins Seniorenheim buchte kaum einer selbst und normalerweise waren es ausschließlich die Angehörigen, die die Dinge in diesen Fällen vorantrieben (nicht selten auch, da sie auf den Verkauf des Hauses spekulierten). Aber hier fehlte das alles. Keine besorgten Enkel. Keine gierigen Kinder. Warum also wollte Joyce aus ihrem Haus?
War Joyce vielleicht ein Messie?

Auch wenn es im ersten Moment seltsam klang, so konnten sich die beiden Schwestern durchaus vorstellen, dass Joyce über all die Jahre schlicht verwahrlost war. Sie hatten in ihrer Zeit als Makler schon eine Menge Wohnungen und Häuser angetroffen, die von Hamsterern und Messies fluchtartig verlassen worden waren – in den Zimmern türmte sich dann teilweise der Unrat bis zur Decke. Joyce hatte auch erwähnt, dass sie vor dem Verkauf noch eine Menge Dinge aus dem Haus schaffen müsse – doch hieß das gleich, dass die alte Frau schlicht keinen Platz mehr hatte. Ein 96-jähriger Messie also? So recht konnten sich die Spizzirris mit der Idee nicht anfreunden und beschlossen mit weiteren Spekulationen bis nach dem ersten Besuch zu warten.
Eine sympathische alte Dame

Während noch die ein oder andere Sache vorab geklärt wurde, wuchs Joyce den Maklerinnen zunehmend ans Herz. Die alte Frau war ein liebenswerter Mensch, der mit großem Pflichtbewusstsein und trotz der Tatsache, dass ihr all die Bürokratie in ihrem Alter sicher nicht leichtfiel, den Anfragen der Agentur pünktlich nachkam. Nach ein paar Tagen hatten Clara und Gladys ihr professionelles Interesse an dem Objekt unbewusst auf einen weit abgeschlagenen zweiten Platz verbannt und hatten vorrangig das Ziel Joyce zu helfen. Die Frage, warum ihre betagte Klientin nach all den Jahren nun unbedingt ausziehen wollte, ließ ihnen aber ebenfalls keine Ruhe und auch Nachfragen in die Richtung blieben konsequent unbeantwortet.
Ein Blick in die Statistik

Clara ging sogar soweit sich mit dem Thema „alleinstehende Senioren“ eindringlicher auseinanderzusetzen und beauftragte zwei Assistentinnen ihr die neuesten Statistiken dazu herauszusuchen. Offiziell sah sie darin eine potenzielle Marktlücke, die Möglichkeit sich auf diesen wachsenden Kundenstamm zu spezialisieren und so begründete sie innerhalb der Agentur ihr Interesse auch. Doch Gladys kannte ihre einfühlsame Schwester nur zu gut und wusste, dass Joyce und ihre Situation sie persönlich beschäftigten. Den Zahlen nach lebt heute etwa ein Drittel aller Senioren Nordamerikas allein und muss sich selbstständig um die Angelegenheiten des täglichen Lebens kümmern – und das oftmals bei stark eingeschränkten Möglichkeiten. War Joyce und ihre Anfrage also gar nichts Besonderes, sondern eher der Normalfall?
Gute Neuigkeiten

Nachdem die Maklerinnen alle Informationen gesichtet hatten, die Joyce ihnen zukommen ließ, konnten sie aber immerhin mit Freude feststellen, dass das Haus rund eine Million Dollar wert seid dürfte – vorausgesetzt es verbargen sich keine großen negativen Überraschungen im Inneren. Da aber genau diesbezüglich Joyce ungenaue Andeutungen gemacht hatte, hielten sie sich vorerst mit der Kommunikation des Preises zurück und vereinbarten einen Besichtigungstermin. An eine stattliche Kommission dachten die Schwestern zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht mehr – eigentlich wollten sie der alten Dame, mit der sie nun schon beinahe täglich sprachen und die sie mitsamt ihres höflichen, leicht schüchternen Umgangstons ins Herz geschlossen hatten, vor allem eine Freude machen.
Eine sehr gute Lage

Die Eckdaten der Immobilie sprachen dabei eine klare Sprache und ließen die Spizzirris auf ein gutes Angebot und vielleicht sogar ein Wettbieten der Interessenten hoffen. Wenn Joyce schon ausziehen musste, dann würden die Schwestern zusehen, dass sie einen vorzüglichen Preis für das lebenslange Zuhause der alten Frau bekommen würde und die Lage des Anwesens war dabei entscheidend. Das Haus lag im Stadtteil Old Mill, das, wie der Name schon sagt, eine ganze Weile besteht und größtenteils von einer Architektur geprägt wird, die noch aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg stammt. Wohlstand, Ruhe und praktische keine Kriminalität – Old Mill war eine der besten Gegenden Torontos und Joyce‘s kleines Reihenhaus damit eigentlich ein begehrtes Objekt.
Old Mill – ein historischer Ort

Das Preisniveau in Old Mill lag schon seit Jahren über dem Durchschnitt der Stadt und das hatte neben den bereits genannten Faktoren auch historische Gründe. Das Viertel ist durchgehend geprägt von gut erhaltenen Gebäuden – darunter auch mehrere Mühlen („mill“ ist Mühle auf Englisch) – und Kopfsteinpflaster, das an die Geschichte Torontos erinnert. Abgesehen davon war Old Mill aber vor allem eines der Viertel, dessen Bewohner sehr gerne erwähnen, dass sie dort wohnen, um damit ihren gehobenen sozialen Status unmissverständlich zu kommunizieren. Kurz gesagt: Der Verkauf des Hauses war ein Kinderspiel für jeden halbwegs erfahrenen Immobilienmakler und die Spizzirris mussten sich die Frage gar nicht erst stellen, ob sie kurzfristig einen Käufer finden würden.
Joyce hat Zweifel

Am Tag, als Carla Ihre neue Lieblingsklientin anrief, um einen Besichtigungstermin festzulegen, überraschte Joyce sie damit, es sich nun doch anders überlegt zu haben. Immerhin lebe sie nun schon seit ihrem 24. Lebensjahr in ihrem Haus und könne sich nicht vorstellen nach all den Jahren plötzlich woanders zu wohnen. Carla wusste nicht recht, was sie zu den Gründen (die Joyce zuvor auch hin und wieder erwähnt hatte) nun sagen sollte. Bei einem anderen Kunden wäre sie wahrscheinlich etwas deutlich geworden und hätte darauf hingewiesen, dass mittlerweile eine ganze Menge Arbeit und Zeit in die Anfrage geflossen und es nun Zeit für konkrete Schritte sei. Doch das Dilemma der alten Frau war offensichtlich und so bat Carla Joyce darum, noch einmal eine Nacht darüber zu schlafen.
Eine klare Entscheidung

Es dauerte nicht nur eine Nacht, sondern drei und dann war es Gladys, der von Joyce die feste Entscheidung für den Verkauf des Hauses zugesichert bekam. Die Schwestern wussten zuerst nicht, ob sie sich darüber freuten oder nicht. Geschäftlich war es ein Volltreffer, aber insgeheim wünschten sich die beiden auch, dass Joyce einfach dortbleiben könnte. Vor allem Clara schien plötzlich ein Problem mit Joyce’s Wunsch zu haben und schlug sogar für einen Moment vor, die alte Dame vom Gegenteil zu überzeugen. Doch am Ende des Tages hatten die beiden immer noch eine Immobilienagentur zu führen und Gladys forderte ihre Schwester auf persönliche Gedanken vorerst hintenanzustellen. Sie würden schon dafür sorgen, dass es für Joyce ein Happy End geben würde.
Fragen über Fragen

Das Zögern der alten Frau hatte die Besichtigungspläne über den Haufen geworfen – schließlich hatte die Agentur auch noch eine Reihe anderer Projekte (auch wenn es zumindest den beiden Schwestern so vorkam, als hätten sie derzeit nur eine einzige Klientin) und so dauerte es noch ein paar Tage, bis man die Dinge endlich vor Ort begutachten konnte. Diese Tage verbrachten die Spizzirris unter anderem, sich erneut Gedanken über das zu machen, was sie im Haus wohl erwarten würde. Hatte Joyce bis zuletzt wirklich nur aus Wehmut gezögert? Oder war da noch etwas Anderes, über das sie nicht sprechen wollte?
Der Gang der Dinge

Clara hatte mittlerweile so einiges über Immobilien in Bezug auf die demographische Entwicklung in Erfahrung gebracht und insbesondere die Erkenntnisse hinsichtlich der psychologischen Beziehung zu unserer Umgebung faszinierten sie. Gerade alte Menschen, die viele Jahre an einem Ort verbracht haben, sind rationalen oder ökonomischen Gesichtspunkten, was Veränderungen angeht, teilweise vollkommen verschlossen. Joyce schien es wohl nicht anders zu gehen und obwohl die alte Frau wusste, dass sie an anderer Stelle besser aufgehoben wäre, weigerte sich wahrscheinlich ein Teil von ihr das einzusehen. Wie sollte sich ein Makler in so einer Situation eigentlich verhalten? Clara beriet sich dazu mit ihrer Schwester und die beiden beschlossen, das Thema vorerst zu ignorieren.
Es ist soweit!

Endlich war der Tag einer Hausbegehung vor Ort gekommen und damit auch der Moment, in dem die beiden Schwestern klar sagen konnten, welche Preisvorstellungen sie für Haus und Grundstück hatten. Obendrein freuten sie sich darauf, Joyce mitteilen zu können, dass sie in sehr begehrter Lage wohne und ein Verkauf damit eigentlich nur Formalität sei. Doch zuallererst mussten sie das Haus einmal begutachten und diesbezüglich war den Maklerinnen immer noch etwas unwohl zu Mute. Als sie in die Straße bogen, in der sich die Adresse der alten Frau befand, spürten beide, dass sie mehr als nur ein bisschen aufgeregt waren. Die Umgebung schien menschenleer und als sie vor dem Haus hielten, blieben sie eine Weile im Auto sitzen und starrten schweigend auf die Eingangstür.
Eine beruhigende Fassade

Von außen sah das Haus aus wie auf den Bildern, die Joyce ihnen geschickt hatte. Es war nicht heruntergekommen, aber definitiv kein Schmuckstück und obendrein offensichtlich alt. Wäre die Immobilie nicht in Old Mill gestanden, dann hätten die beiden Schwestern wohl alle Hände voll zu tun gehabt, einen guten Preis zu erzielen. Gladys stieß ihrer Schwester leicht in die Rippen und fragte, ob sie die Geschichte von einem Geist namens Joyce kennt, der schon seit vielen Jahren sein Unwesen in Old Mills treibt. Clara rollte nur mit den Augen und stieg aus dem Wagen. Jetzt war nicht die Zeit für dumme Witze.
Jemand zuhause?

Als sie sich dem Haus näherten, sahen sie, dass Vorgarten und auch der Rest des Hauses sehr gepflegt waren. Hatte Joyce mit ihrem 96 Jahren tatsächlich noch die Energie, um das Gebäude derart in Schuss zu halten? Wahrscheinlich unterstützte die Nachbarschaft die alte Frau oder Joyce hatte tatsächlich jemanden, der sich tagtäglich um sie kümmerte. Doch warum hatte sie dann nie jemanden erwähnt und war zumindest in den Gesprächen am Telefon immer auf sich selbst angewiesen. Die beiden Schwestern hatten während den Telefonaten mitunter bis zu einer Viertelstunde gewartet, bis Joyce die jeweiligen Informationen gefunden hatte. Und nun standen sie in einem bestens gepflegten Garten? Irgendetwas passte da nicht zusammen.
Wo ist der Haken?

Oder war es ganz einfach Absicht? Hatte Joyce bislang gezögert und immer wieder die Meinung gewechselt, da sie nicht wollte, dass jemand dem Gebäude zu nahekommt? Ließ sie die Fassade aufhübschen, um von gravierenden inneren Mängeln abzulenken? Und warum hatte die alte Frau bislang die Tür nicht geöffnet oder war zumindest am Fenster erschienen? Immerhin waren die beiden Schwestern auf die Minute pünktlich und standen nun schon eine ganze Weile vor dem Haus und starrten es an. Oder waren Clara und Gladys nach all dem mysteriösen Verhalten der alten Frau schlicht und einfach paranoid geworden und verloren sich in Hirngespinsten. Gladys beschloss für sich, dass Letzteres der Fall war um ging zur Haustür.
Eine schöne Umgebung

Clara blieb am Auto stehen und warf einen Blick die Straße hinauf. Die Häuser sahen sich alle verblüffend ähnlich, waren größtenteils direkt aneinandergereiht und allesamt gut gepflegt. Wussten die Bewohner über den Marktwert ihrer Immobilien Bescheid? Teure Autos standen nicht herum und auch die wenigen Passanten machten keinen neureichen Eindruck. Lebten hier tatsächlich vor allem Menschen, die vor vielen Jahren nach Old Mill gezogen waren? Als das Viertel noch günstig war und nicht Spielball von Spekulanten? Joyce dürfte demnach nicht die Einzige ihrer Generation in der Gegend sein und Clara fragte sich, ob es hier überhaupt Familien gab. Zumindest Kinder hatte sie bislang noch keine gesehen.
Ein Blick in den Hinterhof

Während Gladys die Treppe der kleinen Veranda hochstieg, ging Clara am Haus vorbei zur Garage, die sich hinter dem Gebäude befand. Auch hier machte alles den Eindruck, als hätte gerade erst jemand für Ordnung gesorgt. Laub war praktisch keines zu sehen und das Geländer der Kellertreppe war erst vor kurzem gestrichen worden. Immerhin die Sorge, dass Joyce ein Messie oder eine Hamsterin sein könnte, die über die Jahre Haus und Garten mit allem möglichen vollgestopft hatte, schien unbegründet zu sein. Alles machte einen sehr ordentlichen Eindruck.
Auf den zweiten Blick noch schöner

Je länger sich Clara gerade im hinteren Bereich des Hauses umsah, desto besser gefiel ihr die gesamte Immobilie. Auch hier war nichts baufällig oder verwahrlost, aber der oder die Besitzer hatten in all den Jahren nie wirklich etwas aus dem nicht gerade kleinen Areal auf der Rückseite gemacht. Mit der ein oder anderen Investition könnte man das Grundstück und unter Umständen sogar das Haus nach eigenen Wünschen gestalten und einen Kauf somit deutlich attraktiver machen. Der Schnee bedeckte zwar noch einen Großteil des schlichten Rasens, aber auch so konnte man sich mit ein wenig Fantasie einen großartigen Garten vorstellen.
Jede Menge Möglichkeiten

Zusammengefasst konnte man sagen, dass das Haus – zumindest von außen – in einem sehr guten Zustand war und obendrein eine Reihe von Optionen ließ, um es den eigenen Vorlieben entsprechend zu modifizieren. Auch die angrenzenden Gebäude trübten das Bild nicht und deren Einwohner schienen bezüglich Ordnung und Sauberkeit Joyce in Nichts nachzustehen. Würden die Spizzirris noch ein paar Wochen warten und somit dem Frühling die Chance geben, Eis und Schnee wegzuschmelzen und ein wenig Grün in die Bäume zu zaubern, dann hätten sie hier es mit einer wunderbaren Immobilie zu tun, die obendrein auch noch in Old Mill stand. Clara merkte, wie die leidenschaftliche Maklerin in ihr zurückkehrte, die Bedenken hinsichtlich der alten Frau vertrieb und fühlte sich erleichtert.
Alles beim Alten

Aus den Gesprächen mit Joyce wussten die Maklerinnen, dass an dem Haus seit 1965 so gut wie nichts verändert worden war. Damals wurde die Küche renoviert, seitdem ansonsten aber lediglich für die Instandhaltung gesorgt. Das war natürlich hinsichtlich notwendiger Modernisierungen erst einmal keine gute Nachricht, hieß aber auch, dass an der ursprünglichen Architektur nie gerüttelt wurde und somit auch keine bösen Überraschungen zu erwarten waren. Clara war klar, dass der ein oder andere Käufer natürlich auch mit dem Gedanken spielen würde, das Haus ganz abzureißen und etwas Neues zu bauen, hoffte aber Joyce vor derartigen Diskussionen verschonen zu können.
Hinter die Fassade

So aufgeräumt das Haus schien – soweit ersichtlich war auch das Dach in hervorragendem Zustand – so wichtig war es nun aber endlich einen Blick ins Innere der vier Wände zu werfen und Clara wunderte sich auf einmal, dass sie noch nichts von Gladys gehört hatte. Sie stand nun schon mindestens fünf Minuten hinter dem Haus und scheinbar war die Tür noch immer nicht geöffnet worden. Als sie mit schnellen Schritten zurück zur Vorderseite ging, fiel ihr ein Stromkabel auf, das an der Außenseite des Hauses verlief und oberhalb der Kellertür in der Mauer verschwand. Hoffentlich waren zumindest die elektrischen Leitungen im Laufe der Zeit einmal überholt worden…
Besuch bei der alten Dame

Clara erreichte die Vorderseite des Gebäudes und sah, dass die Tür offen war. Gladys war nirgendwo zu sehen. Clara sprang die Stufen zum Eingang beinahe nach oben, betrat das Haus und dort stand tatsächlich ihre Schwester gemeinsam mit einer alten Frau und unterhielt sich. Dabei fiel Clara sofort auch, dass zumindest hier im Flur und im Erdgeschoss alles tipptopp war. Keine Anzeichen der Verwahrlosung oder Baufälligkeit. Ganz im Gegenteil: Das Haus war liebevoll eingerichtet und fühlte sich warm an. Clara gab Joyce die Hand, stellte sich vor und versuchte den Eindruck zu erwecken, als hätte sie jemals etwas anderes erwartet als das charmante Zuhause einer reizenden alten Dame.
Eine stolze Besitzerin

Joyce erzählte ihnen von ihrem Leben, ihrem Beruf als Schneiderin, den sie Jahrzehnte lang mit großer Leidenschaft ausgeübt hatte und ihrem großen Hobby: Der Innenarchitektur. Vor vielen Jahren hatte sie damit begonnen ihr Haus neu zu gestalten und bereits im Eingangsbereich konnte man sehen, dass nichts dem Zufall überlassen war. Die Maklerinnen waren keine Experten für antike Möbel, aber sie wussten, dass sie es hier mit wertvollen Stücken zu tun hatten. Die Frage war nun vor allem, ob der Rest des Hauses auch so aussah und inwiefern damit umzugehen war. Als sie Joyce darauf ansprachen, lächelte die alte Frau nur und bat darum, ihr zu folgen.
Woher hätten sie das wissen sollen?

Joyce und Gladys dachten in diesem Moment wohl beide dasselbe. Die bisherigen Vermutungen hinsichtlich der Umstände der alten Frau waren offensichtlich falsch. Die Rentnerin war trotz ihres hohen Alters vollkommen selbstständig und offensichtlich bestens in der Lage, sich um ihr Haus zu kümmern. Am beeindruckendsten allerdings war die Tatsache, dass das Haus von außen unscheinbar und wie jedes andere aussah, innen aber einen kleinen Palast zu beherbergen schien. Als sie in das nächste Zimmer traten, trauten sie ihren Augen kaum. Sie hatten in ihrem Berufsleben schon so einiges erlebt, aber eine derartige Überraschung war noch nicht dabei gewesen.
Auf einmal war alles klar

Nun gaben auch die teilweise seltsamen Gespräche mit Joyce am Telefon einen Sinn. Natürlich konnte sich die begeisterte Innenarchitektin nicht einfach so von ihrem Lebenswerk trennen. War der Eingangsbereich bereits beeindruckend gewesen, so wirkte er regelrecht blass im Vergleich zu dem, was die Spizzirris im Rest des Hauses erwarten sollte. Ganz abgesehen davon schien der reine Zustand des Gebäudes hervorragend zu sein. Nirgends sah man Anzeichen dafür, dass das Haus vor fast 80 Jahren gebaut worden war. Die wahre Sensation stellte aber die Reise in die Vergangenheit dar, auf die sie sich nun begaben.
Ein Haus aus einer anderen Zeit

Wie auf dem Bild zu sehen ist, stellte bereits der bestens gepflegte Hausflur einen Blick in eine andere Zeit dar und glich mehr Museum als einem Wohnraum. Joyce (und lange Jahre ihr Mann) hatten es geschafft, ihr Zuhause im Stil einer längst vergangenen Zeit zu konservieren, und zwar in einer Art und Weise, die nicht auf Unwillen zur Veränderung, sondern Stilbewusstsein hindeutete. Obwohl Clara und vor allem Gladys einen deutlich moderneren Geschmack hatten, was ihre persönliche Einrichtung betraf, so fühlten sie sich hier augenblicklich wohl und beneideten die alte Frau auch ein bisschen um ihr Schmuckstück.
Eine Küche aus den 60ern

Die Küche, deren Renovierung Joyce bereits einmal erwähnt hatte, sag aus, wie aus einem Produktkatalog aus den 60ern. Der einzig „neue“ Teil des Hauses war vor allem deswegen modernisiert worden, da die Einrichtung aus den 40er-Jahren sehr unpraktisch war. Damals hatte man noch sehr schlichte Eistruhen statt Kühlschränken und das war dann wohl sogar einer traditionsbewussten Frau wie Joyce nicht praktisch genug gewesen. Ansonsten schien aber alles mindestens ein halbes Jahrhundert alt zu sein und funktionierte wohl auch. Die Gerätschaften blitzten vor Sauberkeit und taten scheinbar nach all der Zeit noch bestens ihren Dienst.
Luxus bleibt Luxus

Wie gesagt waren die Spizzirris keine Fachleute für Innendesign, doch die Küche wirkte definitiv wie ein High-End-Modell von damals. Abgesehen, dass noch alles in perfektem Zustand war, passte auch alles optisch hervorragend zusammen. Zur damaligen Zeit musste diese Ausstattung echter Luxus gewesen sein und erklärte auch, warum Joyce bis heute daran festgehalten hatte. Doch abgesehen davon sah man auch hier, dass die Einrichtung des Hauses eine große Leidenschaft für die alte Frau gewesen sein muss (und immer noch ist!), denn nichts schien abgenutzt oder gebraucht. Es war, als stände man vor einem Ausstellungstück aus einer anderen Zeit.
So wohnte man damals

Das Wohnzimmer vergrößerte den Zeitsprung dann noch einmal um mindestens ein Jahrzehnt. Auch hier wirkte alles so sauber wie in einem Museum und die Einrichtung enthielt fast ausschließlich Elemente aus den 50er-Jahren, die Joyce in einer Art und Weise zusammengefügt hatte, die auch von einem Design-Profi hätten stammen können. Aber das war die Besitzerin ja mittlerweile wohl auch. Farblich schienen es der alten Dame seit jeher vor allem unterschiedliche Rosa- und Pastelltöne angetan zu haben und generell dominierten diese Farben das Haus. Die Tatsache, dass es aber nirgendwo kitschig oder künstlich wirkte, bewies einmal mehr den Geschmack der Besitzerin.
Eine Welt aus Pastell

Die Maklerinnen konnten sich nicht erinnern, jemals in ihrem Leben (auch in ihrer eigenen Kindheit) auch nur annähernd so viele Pastellfarben gesehen zu haben und hätten auch keinen geglaubt, dass man sich damit wohlfühlen könne, wären sie nun nicht inmitten eines reizenden Wohnzimmers gestanden, das ausschließlich aus pastellfarbigen Samtstoffen zu bestehen schien. Darüber hinaus standen praktisch in jeder Ecke kleine Schmuckstücke und verzierte Lampen, die einen weiteren faszinierenden Einblick auf das Leben von damals freigaben. Joyce erwähnte, dass sie schon immer versucht habe ihren ganz persönlichen Stil zu leben und sich von Trends nie leiten ließ. Wusste die alte Dame eigentlich, dass sie mit einigen ihrer Möbel derzeit voll im Trend lag?
Essen mit da Vinci

Stolz führte Joyce ihre Besucher in das Esszimmer und präsentierte ihnen ihr nächstes kleines Kunstwerk. Pastellfarben, ein mächtiger Tisch mit hellem Holz sowie eine leicht schimmernde Tapete warfen zuallererst die Frage auf, ob hier jemals auch wirklich gegessen wurde. Das gesamte Arrangement machte den Eindruck, als sei es kaum benutzt worden, doch diese Wahrnehmung zog sich ja durch jeden Raum des Hauses und verdeutlichte nur noch einmal die Fürsorge der Besitzerin für ihr Zuhause. Über der Anrichte hing Das Letzte Abendmahl von Leonardo da Vinci und gab dem Zimmer eine schon fast feierliche Atmosphäre.
Bei Tageslicht betrachtet

Clara und Gladys hatten Glück, dass sie trotz winterlicher Temperaturen einen Sonnentag erwischt hatten, um Joyce zu besuchen und so erstrahlte das Esszimmer erst so richtig. Offensichtlich war der Raum darauf ausgelegt hell erleuchtet zu sein und daher ergab der leicht überdimensionierte Kerzenleuchter in der Mitte des Raumes auch Sinn. Im Augenblick reichte die Sonne aber vollkommen, um Wohn- und Esszimmer in voller Pracht erscheinen zu lassen. Dabei fiel den Schwestern einmal mehr auf, wie sauber es überall war. Am liebsten hätten sie Haus heute noch genau so potenziellen Verkäufern präsentiert.
Mehr Vintage geht nicht

Was Joyce’s Haus unter anderem so wertvoll machte, war die Tatsache, dass es voller Möbel und Gegenstände steckte, die bei vielen Freunden des Innendesigns gerade heute das Herz höher schlagen ließen. „Vintage“ war der Name der Stilrichtung und veranlasste weltweit immer mehr Menschen dazu, sich alte, gut erhaltene Möbel in ihre modernen Wohnungen zu stellen. Und Joyce hatte sogar ein ganzes Haus voll damit! Als das Innenleben der alten Immobilie zunehmend öffentliches Interesse weckte, stellten manche Berichterstatter sogar fest, dass die Räume ohne weiteres als Set für einen Film dienen könnten, der in den 50er-Jahren spielt.
Rosa für die Gäste

Drüber hinaus erweckten die einzelnen Bereiche des Hauses den Eindruck, als hätte Joyce sehr bewusst ein eigenes stilistisches Thema dafür gewählt – natürlich, ohne mit dem Design im Allgemeinen zu brechen. Das Gästezimmer war z.B. fast vollständig in rosa gehalten und gab dem eigentlich winzigen Zimmer große Anziehungskraft. Joyce erwähnte, dass es ihr Lieblingszimmer sei und sie selbst bis heute des Öfteren ihr eigener Gast. Vor allem die spärliche Ausstattung – lediglich eine Handvoll von Objekten – machten den kunstvoll gestalteten kleinen Raum zu einem echten Hingucker. Als die Spizziris später die Möglichkeit hatten, sich mit Joyce’s Tochter über das Haus zu unterhalten, erwähnte diese, dass rosa mit Abstand die Lieblingsfarbe ihrer Mutter sei. Wer hätte das gedacht?
Konkrete Überlegungen

So sehr den Schwestern das Haus auch gefiel und sie vor allem das kleine rosa Zimmer beeindruckte, war es gerade Letzteres, das ihre Aufmerksamkeit zurück auf den Verkauf richtete. Je mehr sie von der Immobilie sahen, desto kompromissloser erschien ihnen die feminine Vision, die Joyce offenbar mit ihrer rosa Landschaft verfolgte, und sie fragten sich, ob es in dieser Form – spektakuläres Design hin oder her – bereit zur Besichtigung war. Sollten sie Joyce wirklich vorschlagen ihr Lebenswerk aus dem Weg zu schaffen, um das Haus leichter verkaufen zu können? Hatte sich die alte Dame dazu überhaupt Gedanken gemacht?
Eine andere Seite des Hauses

Noch bevor sie diesen zentralen Punkt ansprechen konnten, hatte Joyce sie aber schon in den Keller geführt, der mehr oder weniger aus einem großen Raum bestand. Der Raum wirkte sogar so umfangreich, dass sich die Maklerinnen angesichts des Grundrisses fragten, ob sie die Pläne falsch gelesen hatten. Wahrscheinlicher war aber, dass es einfach die Fähigkeiten der Besitzerin waren, die das Zimmer so gewaltig erschienen ließ. Es gab eine Theke mitsamt Barstühlen und auch der Rest des Raumes wirkte als starker Kontrast zum Rest des Hauses. War dies der Ort, an den Joyce’s Mann sich regelmäßig zurückgezogen hatte?
Eine gründliche Inspektion

Da die Spizzirris nun das ganze Haus gesehen hatten und bislang nicht nur keine Mängel, sondern vor allem positive Überraschungen vorgefunden hatten, gaben sie umgehend eine professionelle Inspektion des Gebäudes in Auftrag. Rohre, Leitungen, Elektrik und Statik mussten eingehend geprüft werden und auch hier war das Ergebnis nahezu problemfrei. Hier und da waren minimale Anpassungen nötig, aber im Großen und Ganzen war das Haus angesichts seins Alters geradezu sensationell in Schuss. Joyce und ihr Mann hatten sich offensichtlich vorzüglich um das Gebäude gekümmert. Bevor das Haus auf den Mark kam, hatte Joyce den beiden Schwestern aber noch eine Sache mitzuteilen.
Nicht alles steht zum Verkauf

Die alte Dame machte ohne Umschweife klar, dass keines ihrer geliebten Möbel und Einrichtungsgegenstände im Haus verbleiben beziehungsweise mit verkauft würden. Insgeheim hatten die Maklerinnen das gehofft und erwartet, doch als sie sich vorstellten, dass das über Jahrzehnte liebevoll gestaltete und bewahrte Innenleben der Immobilie nun auf einen Schlag beseitigt wurde, da wurde ihnen schwer ums Herz. Welche Überwindung musste es Joyce gekostet haben in ihrem Büro anzurufen und den Verkauf ihres Hauses in die Wege zu leiten. Die Spizzirris konnten sich das kaum vorstellen und mussten nun höchstpersönlich dafür sorgen, dass Joyce’s gewohntes Leben ein Ende fand.
Ein Lichtblick

Als sie schließlich erfuhren, dass immerhin Joyce’s Tochter sämtliche Möbel des Hauses zu sich nehmen und sich darum kümmern würde, fiel es den Maklerinnen deutlich leichter zur Tat zu schreiten. Bevor die einzigartige Inneneinrichtung aber aufgelöst wurde, sorgten die Schwestern dafür, dass Joyce und ihr Lebenswerk hinreichend dokumentiert wurden. Die virale Sensation, die darauf folgte, hatten sie zwar nicht erahnen können, doch überrascht waren sie auch nicht, dass viele Menschen online die Schönheit dieser kleinen Welt aus einer anderen Zeit bewunderten und weiterleitete. Für eine Weile war Joyce ein Star und ihr Haus das Stadtgespräch Torontos und darüber hinaus.
Dann ging alles ganz schnell

Kaum war die Geschichte des Hauses, seines faszinierenden Innenlebens und seiner 96-jährigen Besitzerin in aller Munde, da wurden die Agentur der Spizzirris auch schon mit Angeboten überschwemmt. Zügig wurde die Immobilie für fast $700.000 verkauft und der neue Eigentümer konnte sich nicht nur über ein gut erhaltenes Haus in toller Lage in Old Mill freuen, sondern durfte indirekt auch Teil einer faszinierenden Geschichte sein, bei der ein äußerlich vollkommen unscheinbares Haus für viele Jahre einen regelrechten Schatz beherbergte. Und Joyce? Wo lebte die alte Dame nun, die nach all der Zeit von vorne anfing – zumindest, was die Inneneinrichtung anging.
Die einzige Konstante

Joyce fiel es anfangs natürlich sehr schwer, sich von ihrer gewohnten Umgebung zu trennen und obendrein auch noch in ein Seniorenheim zu ziehen. Mit etwas Erleichterung sah sie dann aber doch das Positive in der neuen Situation: Deutlich weniger Arbeit! Die Schwestern Spizzirri freuten sich ebenfalls, denn abgesehen von einer weiteren erfolgreichen Vermittlung, hatten sie auch Joyce glücklich gemacht, indem sie viele Menschen an ihrem einzigartigen Haus teilhaben ließen. Und schließlich waren da noch die ganzen Unbeteiligten – die Zuschauer und Leser – die aus reinem Zufall Einblick in ein Leben vor ihrer Zeit werfen durften, das sich nun doch noch einmal geändert hatte.